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Afrika 15

Ich habe das Passwort entfernt. Wer dies lesen will, soll es lesen. Den Namen der scheuen ORGANISATION habe ich ohnehin nirgends erwähnt.

Good Friday in Jamam. Für mich bleibt wenig zu tun. Heute Nachmittag und am Ostermontag ein paar Patienten, einen letzten Bericht schreiben, Mittwoch die Übergabe in Juba… es fühlt sich an, als wärs vorbei. Ich befinde mich im Limbo (gutes Scrabblewort), einem grenzenlosen Ort zwischen Himmel und Hölle oder zwischen einem definierten Zustand und dem nächsten. Die utilitaristische Frage was hat es gebracht stelle ich erst gar nicht, ich müsste weiterfragen in welcher Hinsicht und im Lichte welcher Maßstäbe und das Ganze wird unübersichtlich. Ich bin mir – auch wenn solche Spekulationen über das ungelebte Leben nicht zulässig sind – leidlich sicher, dass es mir übler ergangen wäre, hätte ich noch länger im AMT ausgeharrt.

Eines habe ich immerhin deutlicher erkannt als zuvor: einer der bösartigsten Verderber von Lebensqualität, jedenfalls der meinen, sind bürokratische Prozeduren (Steuerbescheide, Rentenangelegenheit, Dispute mit Krankenkassen etc.); der Mißmut, den sie in mir hervorrufen, steht in keinem Verhältnis zur Wichtigkeit der Sache und das Wegfallen dieser Dinge in den letzten drei Monaten war unzweifelhaft eine Erleichterung. Zwar musste ich auch hier gelegentlich irgendwelchen Mist ausfüllen, aber es war ziemlich egal, was man reinschreibt. Liest eh keiner. Zu Hause allerdings warten die ungeöffneten Umschläge und wie ich mich ihrer mit der erwünschten heiterer Gelassenheit annehmen soll, das weiß ich nach wie vor nicht.

Der Aufenthalt im Limbo ist kein unbequemer: dies ist ein Ort des Möglichen, ein Wartesaal im Nirgendwo, wo man in irgendeinem augeleierten Sessel hängt, bevor entschieden ist, mit welchen Zug die Reise weitergeht. Man wiegt leichter und überhaupt hat nichts von dem, was einer im Limbo vornimmt, sein volles Gewicht. Beiläufig jongliere ich mit ein paar wolkenlosen Ideen für weitere, mildere Selbstversuche, nichts Dramatisches, ein sanftes Ändern gewisser Gewohnheiten, das versuchsweise Auslassen bestimmter Substanzen…

Was wird auftauchen, wenn ich in, sagen wir, fünf Jahren auf Jamam zurückblicke?
Bilder?
Das sadistische Grinsen der Sonne? Die militärisch aufgereihten olivgrünen Zelte, in denen wir zu schlafen versuchen? Der an einen Pfahl gekettete Patient, der (in seinem Erleben) doch nur zu seiner Frau will?
Töne? Das Geheul der Höllenhunde? Die sich von allen Seiten auf mich werfenden „Koadscha“-Rufe (Weißer) der Kinder, wenn ich durch das Camp gehe? HOW-R-U, from dawn til dusk, und in zwanzig Akzenten?
Empfindungen? Der strenge und zugleich fade Geschmack von Ziege mit Linsen? Das seelige Gefühl, wenn an einem 50-Grad-Tag plötzlich ein Windhauch über die nasse Stirn fährt? Die prekäre Lockerung, die mitunter abends, wenn es sich abkühlt, nach ein paar Schlucken Glenmorangie mein verkrustetes System durchwabert?
Ganze Szenen vielleicht? Nachts im Zelt liegen und nicht schlafen können, trotz Ohrstöpseln und Glenmorangie, während das Herz heftig klopft und die GROSSEN FRAGEN eindringen wie Gespenster, wozu das alles, Jamam, Arbeit, Leben, Sterben  und überhaupt… bis ich irgendwann aufstehe, dusche und weitermache.

Mein letzter Übersetzer war am Mittwoch nach einer kurzen und wenig ruhmvollen Tätigkeit in meinen Diensten nicht mehr zur Arbeit erschienen. Ich nahm an, es läge an meiner (gemäßigten) Kritik seiner Unpünktlichkeit und seiner waghalsig in die schillernden Zonen des Nonsens vorstoßenden Übersetzungen; doch heute erfuhr ich, er sei auf der Flucht: eine Vergewaltigung, hieß es, gejagt werde er, von Polizei und von Verwandten des Opfers. Ein Mensch von unnatürlicher Sanftmut, geradezu Liebedienerei, so schien es zunächst: nicht allzu erstaunlich, wenn darunter ein finsteres Loch voll Wut und Hass mühevoll und unzureichend verdeckt läge (diese Psychologie a posteriori hat natürlich etwas Billiges: ich bin sehr wohl erstaunt, entsetzt sogar). Eine seltsame Geschichte.

 

 

 

29.3.13 13:38
 
Letzte Einträge: Afrika 8, Afrika 9, Afrika 11, Afrika 13, Abschied von Afrika


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