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Afrika 4

Nichts entscheiden zu müssen ist wundersam entlastend. Was soll ich heute essen? Müssen wir noch einkaufen? Wollen wir ausgehen und wenn ja, wohin? Welchen Film sollen wir anschauen? Wäre es nicht an der Zeit, mal wieder einen Wochenendausflug zu machen? Solche Fragen stellen sich hier nicht. Einmal gab es aber doch eine Abwechslung: Kino unter leuchtendem Sternenhimmel, auf einer Plane, die über das Volleyballnetz gespannt war. Man gab Casablanca, den hatte ich das letzte Mal vor 10 Jahren in einer Kneipe in Guatemala gesehen. Und wieder einmal ward ich tief gerührt.

Seltsame Krankheiten sieht man hier. Ein junger Mann wird Tag und Nacht von einer geheimnisvollen Frau umflattert; nur er kann sie sehen. Sogar in sein Bett legt sie sich, aber das gefällt ihm nicht. Er fürchtet sich. Psychose? Ich gebe ihm eine Minidosis eines Beruhigungsmittels; eine Woche später sind die seltsame Frau und das von ihr verursachte Leiden vom Winde verweht. Er dankt es der Wunderkraft meiner Pillen. Ähnliches habe ich jetzt schon mehrfach gesehen. Wir würden das wohl „dissoziativ“ nennen, ohne dass diese Kategorie zu hundert Prozent zutrifft. Die Menschen hier leben in einer Welt voller Magie, das Reale und das Phantastische sind nicht deutlich voneinander getrennt. Fesselnd. Wie schön wär’s, ich hätte einen Übersetzer, mit dessen Hilfe ich diese Phänomene besser verstehen lernte.

Ich bin dabei, der Epilepsie-Pabst des Südsudan zu werden. Neurologie und Psychiatrie werden zur Vereinfachung zusammengeworfen; Mittel gegen Krampfanfälle sind „psychotropics“. Epilepsie (oder was man dafür hält) ist das Krankheitsbild, mit dem ich am häufigsten zu tun habe. Wahrscheinlich deshalb, weil Anfälle leicht als abnorm zu erkennen sind, sowohl für Verwandte als auch für meine drei jungen Counsellor-Frauen. Manchmal sind die angeblichen Krampfanfälle etwas anderes, Panikattacken, Hysterie oder Pavor nocturnus (eine Form der Schlafstörung) bei Kindern. Um die richtige Epilepsie (oder was ich dafür halte) zu behandeln, habe ich zwei Medikamente zur Verfügung, das macht die Sache relativ überschaubar.

Arbeite ich gerne hier? Auch diese Frage stelle ich nicht mehr. Ich habe gehadert, ich habe mich ereifert, jetzt arrangiere ich mich. Es muss gehen und es geht. Man lernt, mit fünf Fragen in Pidgin-Englisch eine Art Diagnose zu stellen. Man berät ohne zu ahnen, was davon beim Gegenüber ankommt. Man verschreibt, wenn auch mit größter Vorsicht. Nicht zu schaden wird die oberste Devise.

Ohrenstöpsel sind eine sehr unterschätzte Erfindung. Ohne sie wäre ich unweigerlich bereits dem Wahnsinn verfallen. Die Gegend wimmelt von bösen hungrigen schmutzigbraunen halbwilden Höllenhunden, welche die Nacht mit ihrem irren, nie auch nur eine Sekunde unterbrochenem Gekläffe in ein akustisches Inferno verwandeln, die verzweifelte Trostlosigkeit dieses öden Landstriches fernab aller Schönheit eindrucksvoll verkörpernd.

27.1.13 08:56
 
Letzte Einträge: Afrika 8, Afrika 9, Afrika 11, Afrika 13, Afrika 15, Abschied von Afrika


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