Die Suche geht weiter
 



Die Suche geht weiter
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Letztes Feedback

http://myblog.de/jamamblues

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Afrika 2

Das Schluesselwort ist REDUKTION. Eine Matratze zum Schlafen. Zum Trinken Wasser. Zu essen irgendwas, wovon man satt wird. Arbeiten, lesen, schreiben, plaudern, schlafen. Tagelang hatte ich nicht einmal einen Computer. Das Kabel fuer meinen eigenen habe ich in dem winzigen Flieger liegenlassen, der mich hierhergebracht hat: vielleicht bekomme ich es irgendwann wieder, vielleicht auch nicht. Den Computer, auf dem ich dieses schreibe, teile ich mir mit einem Wasser- und Hygienefachmann, der damit in einem anderen Lager unterwegs war. Einen Tag lang fuehlte ich mich aus der Welt gefallen, dann begann ich, so etwas wie inneren Frieden zu erleben, ein Gefuehl, wie ich es lange nicht gekannt hatte. Eine merkwuerdige und ueberraschende Erfahrung. Es scheint, dies ist ein Ort, der einen veraendern kann.

Die Arbeit, das deutet sich an, hat wenig mit alledem zu tun, was ich zuvor gemacht habe. Weder Uebersetzer noch Counsellor (vier nette junge Frauen, die Arabisch koennen und Ingassana, die Sprache der Fluechtlinge) entsprechen in ihren Moeglichkeiten auch nur irgendwie dem, was ich aus anderen Projekten gewohnt war. Das kann man schrecklich finden (meine erste Reaktion), oder man nimmt es, wie es ist, als etwas Neues und Anderes. REDUKTION.

Wir leben in einem doppelt umzaeunten Areal inmitten des Fluechtlingscamps (fuer ca. 15000 Leute). Der Umgangston ist herzlich: obwohl das Team unuebersichtlich ist (eigentlich sind es mehrere Teams, die verschiedene Dinge tun) und ein staendiges Kommen und Gehen herrscht, hat fast jeder Zeit fuer ein paar freundliche Wort. Wie unsere Schuetzlinge leben wir in Zelten, meist zu zweit, aber ich hatte Glueck und habe im Moment ein Zelt fuer mich allein, was sich natuerlich jederzeit aendern kann. Es ist karg hier, aber einige Baeume gibt es doch, man hat immer auch Gruen im Blickfeld. Fuer 40 Leute gibt es zwei Latrinen und drei Duschen, immerhin richtige, wo das Wasser von oben kommt statt aus dem mitgebrachten Eimer. Die Haende waescht man sich mit chloriertem Wasser, auf den Behaeltern stehen motivierende Sprueche (Want to loose weight? Eat shit! Fast and effective method!). Zwischen den Steinen, worauf das Wasser abfliesst, leben zahllose kleine Froesche, denen jeder Tropfen willkommen ist, chloriert oder nicht. Das Trinkwasser ist ebenfalls chloriert, nach drei Tagen denkt man, Wasser muesse so schmecken.

Sonntag ist der einzige freie Tag, also wird Samstagabend gefeiert. Mit Spielen, Tanzen, Heinekenbier aus der Dose (teurer als bei uns in der Kneipe) und einem Gebraeu aus Suedafrika, bei dem es sich laut Etikett um Whisky handeln soll. Die Entschlossenheit, sich zu amuesieren, ist bei den meisten gross. Ich selbst liess es ruhig angehen, hatte aber auch einen erfreulichen Abend. REDUKTION.

13.1.13 11:05


Afrika 1

Dröhnender Generator. In der warmen Nacht sitzen und Paul Nizon lesen: „Was sagen Sie, lieber Herr Nachbar, Sie fahren ins Freie? Gibt’s denn das? Ich meine, die Welt ist ausverkauft. Ja, doch, es gibt Naturreservate. Fahren Sie, fahren Sie, es ist Ihr gestundetes Stündchen, sicher sitzt irgendwo ein Dämon, der Ihren Irrtum belacht. Sie meinen, Sie fahren zur Freiheit? Sie sind bloß an der Reihe, es ist Ihr Stündchen zum Rundgang im Hofe.“

Juba: ein Rollfeld, ein paar Häuser, Wellblechhütten. Die Hauptstadt des Südsudan. Die Ankunftshalle ist eher ein großes Zimmer und Schauplatz des gerade noch vorstellbaren Chaos. Beginnt so ein Abenteuer? Schlangen an der Passkontrolle, am einzigen Visumschalter, an Tischen, wo die Koffer der Glücklichen durchwühlt werden mit routinierter Grobheit, während Hunderte noch auf ihr Gepäck warten, nicht nur die gerade Angekommenen, auch Reisende, die schon seit Tagen hier sind. Ein Traktor bringt die neueste Fracht, alles wird auf einen Haufen geworfen, Gedränge, Fluchen, Rangeleien… Wo, lila Trolley, finde ich Dich? Kommt auch nicht später am Tage. Ein wichtiger Official, spezialisiert auf Beschwichtigen, lässt sich, während er ständig irgendwelche von weniger wichtigen Leute ihm untergeschobenen Papiere unterschreibt, genau erklären, welche Kostbarkeiten der Trolley enthält, Bücher, aha, wieviele sind es denn und wieviele T-Shirts, Kabel, was für Kabel, und tippt mit zwei Fingern in seinen Laptop. Heute betrat ich das Ankunfszimmer zum dritten Mal und da sah ich ihn aufragen zwischen unscheinbaren Kisten, glänzend in lilaner Schöne.

Und sonst? Die Leute sind „ganz nett“, will sagen unverbindlich freundlich… hier in der Hauptstadt kommt oder geht jeden Tag irgendjemand, die Organisation hat 60 oder 70 Fremde im Land, ich errege da kein großes Aufsehen. Wichtige Gespräche (Briefings) sind hier keine Leidenschaft, beschränken sich auf das Nötigste. Das gefällt mir. Meine Vorgängerin ist Schwedin und noch hier und sie erweist sich als umgänglich. Für die Übergabe haben wir Zeit, tagelang, wenn wir wollten, denn ich hänge fest: kein Platz mehr, sagt man mir, im nächsten Flug nach Jamam, mental ist keine Priorität, erst am Donnerstag geht es weiter. Warten.

*

Vom Therapeuten wird verlangt, dass er dem Klienten non-judgemental gegenübertrete, nicht urteilend.. Wie würde es einem ergehen, der versuchsweise allem, was ihm zustößt, non-jugdgemental begegnete(selbst wenn er aus taktischen Gründen eine Position bezieht)? Kann man sich das vorstellen?

8.1.13 15:28


[erste Seite] [eine Seite zurück]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung