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Afrika 9

Samstag gab es hier eine Veranstaltung, die sich FAD (field associative debate) nennt. Was immer man von den zahllosen Akronymen im Umfeld professioneller Menschenliebe hält, die auch ich nur Hälfte verstehe - dieser Name ist außergewöhnlich treffend gewählt! Um fünf habe ich FAD verlassen, ich glaube, es ging noch weiter bis nach sieben. Der beste Debatierer (de facto aber der lokale Mitarbeiter, der die höchste Position und damit eine gewisse Macht innehat und deshalb von der Mehrheit gewählt wurde) darf zur Belohnung ein Wochenende nach Juba, zum Weiterdebatieren; das ist mindestens so wundervoll, als würde man eine Jahreskarte für das Frankfurter Laienkabarett „Die Oderhähne“ gewinnen.

Was ich nicht erwartet hätte: die Hitze, die tagtäglich auf meinen teilweise kahlen Schädel herniederbrennt, beschleunigt die Reaktionen an den Synapsen. Am Sonntag löste ich zum ersten Mal seit längerem das Kreuzworträtsel der Zeit (bei dem man „um die Ecke denken“ muss); ich brauchte eine halbe Stunde. Seinerzeit in FFO, wenn ich mich nach einer Woche im AMT daran versucht hatte, hatte ich mindestens das dreifache benötigt. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich hier etwas mehr von meinem Hirn einsetzen kann als das eine Prozent, das für die Tätigkeit im AMT völlig ausgereicht hatte. Ein weiterer Trainingseffekt.

Ohnehin ist dies hier natürlich bei weitem nicht die extremste Erfahrung, die ich je gemacht habe; besser gesagt, sie ist es allenfalls den äußeren Umständen nach. Da waren die drei Jahre in Essen (der erste Teil meines Studiums), wo ich durch Selbstzweifel, zwei vermasselte Liebesgeschichten und sich steigernde, mit Alkohol nicht zu besiegende Angstzustände beinahe einer jener larmoyanten Neurotiker geworden wäre, wie ich sie später (mitleidslos) auf der Psychotherapiestation in Röbel an der Müritz zu Dutzenden behandelt habe. Auch gab es jenes halbe Jahr in der Nervenklinik Teupitz, wo mich ein psychopathischer Chef, eine hysterische Oberärztin und noch eine unbedachte und unglücklich im Sande der Ambivalenz verlaufende Romanze beinahe dazu gebracht hätten, die Psychiatrie für immer an den Nagel zu hängen.

Seit den trüben Teupitzer Tagen entdecke ich von Zeit zu Zeit das „Lied der Stunde“. Damals war es I want to break free (Queen). Später, als ich mich ein weiteres Mal nicht entscheiden konnte, ob ich mich auf eine bestimmte Frau wirklich einlassen sollte oder besser doch nicht, war es Crossroads (Calvin Russell): I’m standing at the crossroads, there are so many roads to take, I’m standing here so silently for fear of a mistake… Das „Lied der Stunde“ für Jamam habe ich gestern abend bei einem Glas Rotwein entdeckt, es war natürlich schon da (auf meinem MP3-Player), aber erst jetzt hat es eine Funktion bekommen: survival, von der Band Muse, die klingt, wie Queen jetzt vielleicht klänge, wäre Freddy Mercury nicht schon 1991 an AIDS verstorben. Man gleicht einander auch darin, wie die sich hochtürmenden, ins Sphärische greifenden Klänge die überaus schlichten Texte mit (scheinbarer) Bedeutsamkeit aufladen. I will survive.

20.2.13 17:34


Afrika 8

Die ausgefeilte, durch ständige Schulungen auf dem höchsten Stand gehaltene Logistik der ORGANISATION hat es möglich gemacht, dass vor zwei Tagen die Pakete mit den für Weihnachten 2012 bestimmten Lebensmitteln geliefert wurden. Das Brot, helles, dunkles, verschiedene Brötchensorten, sicher 20 Kilo, war natürlich verschimmelt, aber den Käse – allerlei leckere Sorten - können wir, wenn wir uns beeilen, vielleicht noch schnell aufessen. Wir tun unser Bestes! Die Vorräte für Weihnachten 2013 haben wir jetzt vorsichtshalber zu Ostern bestellt.

Das Heimweh nagt an meinen Nerven. Die Kollegen sind durchaus angenehm, aber eben Kollegen. Keine Freunde. Das Fehlen von Zerstreuung, bisweilen entlastend, erweist sich jetzt als mühevoll: ich habe Zeit zum Nachdenken, viel viel Zeit, aber dieses Denken dreht Schleifen und bringt – wie die mit einem riesigem Aufwand an Geisteskraft betriebene und gänzlich ins Leere laufende Parallelaktion im weiterhin sehr zu empfehlenden Mann ohne Eigenschaften – bislang nichts hervor, was den Namen eines neuen Einfalls (etwa über die erfreulichste Nutzung der verbleibenden Jahre) verdient hätte.

Zu joggen wage ich nicht mehr: zu oft bin ich den giftigen Zähnen der bösen Hunde, deren unaufhörliches nächtliches Geheul, wenn auch gedämpft, selbst noch durch die Ohrstöpsel dringt, mehr oder weniger knapp entgangen. Wie ich sie hasse, diese struppigen mageren schmutzigbraunen Inkarnationen der Verkommenheit! Und habe guten Grund sie zu fürchten: wie sie sich aufführen, ist jedem einzelnen die Tollwut ohne weiteres zuzutrauen. Zwar gibt es die Momente der Schwäche und der Einsamkeit, in denen ich mir vorstelle, wie ich mich mit irgendeiner ehrenvollen medizinischen Begründung vorzeitig von hier verabschiede – so aber nicht!

16.2.13 16:32


Afrika 7

Wenn man dem ersten besten Gewalt über deinen Leib gäbe, das würde dich entrüsten. Scheust du dich denn nicht, jedem beliebigen, der dir begegnet, Gewalt über dein Gemüt zu geben, so daß er dasselbe erschüttern und in Unruhe versetzen kann, sobald er sich mit dir streitet? (Epiktet)

Ich warte auf den Sprung der Erkenntnis, einen plötzlicher Wechsel der Ebene, der mich Leben und Tod mit den von Therapeuten gern genannten anderen Augen sehen lässt. Das war wohl der tiefste Grund, das hier auf mich zu nehmen. Geschehen ist es bisher nicht. Veränderung ja: ich erweitere, wie ich es beschrieben habe, allmählich meine Fähigkeiten im Ertragen des Widerwärtigen (Klima, Essen, schwaches Team etc.), aber das ist ein Trainingseffekt, ähnlich der Verlängerung der Laufstrecke beim Marathontraining, und ebenso rasch wie die so gewonnene Ausdauer wird er wieder verschwinden, sobald das Training (mein Aufenthalt hier) beendet ist.

Auch die Perspektive ändert sich in gewisser Weise, nur nicht unbedingt in der gewünschten. Heute morgen kam der Leiter der Musik- und Theatertruppe mit seinem Megaphon zu mir: kaputt. So war es. Im Lager fanden sich zwei weitere Megaphone, noch nie benutzt, die aber alle beide ebenfalls nicht funktionierten. Samstag wollte ich einen Vortrag vor den Ambulanzpflegern und -schwestern halten über das Erkennen psychischer Probleme in der medizinischen Grundversorgung. Nützlich für sie, dachte ich. Als Zeit hatte man mir zwölf bis eins vorgeschlagen. Als um viertel vor eins von zwanzig Leuten drei gekommen waren, gab ich mein Vorhaben auf und beschloss, mir ein spätes Frühstück zu gönnen. Keine der Pfannen hier hat einen stabilen Griff. Ich briet mir Eier, aber noch bevor diese den Teller erreichten, drehte sich die Pfanne zur Seite und die Eier landeten auf einem schmutzigen Küchenbord.

Eine unablässige Folge solcher Erfahrungen prägen nach einer Weile die Erwartung (oder das Fehlen davon) so sehr, dass ich mir nicht mehr sicher bin, wieweit ich mich auf meine Wahrnehmung verlassen kann. Gestern abend war das Endspiel des Afrika-Cups (entspricht der Europameisterschaft); nach zehn Minuten dachte ich, was für ein grauenvolles Gekicke, unerträglich, das muss ich mir nicht länger antun. Und ging. War das eine gerechte Bewertung?

11.2.13 15:10


Afrika 6

Ich beschäftige mich jetzt wieder mit der Stoa (was ich zuletzt beim Abitur 1983 getan habe: eines der Themen war Seneca), und keiner, der die letzten fünf Beiträge gelesen hat, wird Mühe haben, die Gründe dafür zu erkennen. Epiktet schreibt zum Beispiel sehr Bedenkenswertes zum Umgang mit National Staff (er spricht von Dienern, aber die Idee ist dieselbe):

Wenn du deinen Diener rufst, so stelle dir zugleich vor, er könne es nicht gehört haben, oder er könne, wenn er es hörte, nicht tun, was du wünschest. Aber (sagst du) das schickt sich nicht für ihn. (Es mag sein.) Für dich aber schickt es sich, dich nicht von ihm ärgern zu lassen.

Ein bisschen mehr steckt natürlich dahinter. Die Stoiker, wie wohl alle antiken Philosophen, überschätzten die Macht der Gedanken auf unsere Empfindungen und der Genuss kam nicht nur zu kurz sondern, als positive Möglichkeit, nicht einmal vor, aber was die Minimierung des Leidens betrifft: davon verstanden sie etwas! Wenn ich ein Buch schriebe, gewissermaßen meine persönliche Variante des Neo-Neostoizismus (angereichert mit ein bisschen Epikur), würde ich es so nennen: Gelassenheit. Die Kunst, das Widerwärtige zu ertragen und das Gute zu genießen.

Dieser Ort, wie dem Leser schon bekannt, bietet ein fast unbegrenztes Übungsfeld im Ertragen des Widerwärtigen und ich kann behaupten, dass es mir von Tag zu Tag besser gelingt. Wobei ich mich nicht vor allem auf die Kraft der Gedanken verlasse (obwohl es schon auch hilft, diese Dinge zu formulieren, wie ich es hier gerade versuche), sondern, gemäß meinen Erfahrungen und Überzeugungen, vor allem am Körper ansetze: mit Joggen, Entspannung, maßvollstem Essen und Trinken (selbst Kaffee – Instant mit Milchpulver - trinke ich hier allenfalls drei Tassen am Tag), viel Ausruhen und viel Schlafen. Diese Gelassenheit überträgt sich auch auf den Umgang mit importierten Ärgernissen, beispielsweise absurden Rentenformularen, die man mir aus Deutschland per E-mail nachschickt mit der Aufforderung, sie innerhalb weniger Tage unterschrieben zurückzuschicken, sonst Verdoppelung der Rentenbeiträge. Leider gibt es im Südsudan keine gelben Briefkästen. Nicht mal ein Handynetz, jedenfalls hier nicht. Die ORGANISATION hat natürlich keinen Scanner (für mental health auch keinen Computer, ich benutze für die Arbeit meinen eigenen, hätte ich den nicht dabei, könnte ich meinen kleinen therapeutischen Gemischtwarenladen dichtmachen). Aber ich blieb entspannt und schickte der entsprechenden Behörde ein Digitalfoto des von mir unterschriebenen Antrags. Und fand das lustig.

 

 

7.2.13 17:22


Afrika 5

Ein Monat ist um. Ein Drittel. Was mich bis in meine Fieberträume verfolgt, sind zu meiner Überraschung nicht Schokolade und Gummibärchen (auf die ich nicht einmal Lust hätte), sondern ein dicker, süß-säuerlicher Apfel,  woraus ich mich mit unbeschreiblichem Entzücken ein großes Stück herausbeißen sehe. Eine Orange, deren erschütternd citrusfrischer Geschmack mein ganzes Sein ausfüllt. Der letzte dünne Faden, der mich geschmacklich noch mit der Zivilisation verbindet, ist der sporadische (viel zu warme) Schluck eines erträglichen schottischen Whiskies.

Ich war krank. Eine seltsame und erstaunliche Erfahrung ist es, hohes Fieber zu haben, während die Außentemperatur dennoch die des eigenen Körpers übersteigt und der Ventilator, den man mir freundlich überlassen hat, nicht zu benutzen ist, weil die Adapter für die britischen Stecker nicht mitgeliefert wurden.  Man fühlt sich wie ein auf links gewendeter Handschuh. Als das Fieber fiel, waren auch meine Erwartungen gesunken. Seither geht es mir besser.

Zustände sind immer erfreulich im Kontrast zu anderen, weniger erfreulichen. Wer sich bemüht, kann daher fast immer etwas Erfreuliches finden. Ich genieße die Abende nach acht, wenn die Temperatur auf paradiesische 35 Grad gefallen ist, ich hinter meinem Zelt auf einer aus Schnurgeflecht gewirkten Liege ruhe und am Himmel anstelle der hier etwas unpopulären Sonne die lieben Sternlein erscheinen und ein herrlich kühles Gefunkel veranstalten.

Wie erfreulich ist es erst, nach zwei schwer beschreiblichen Wochen mit einem ganz nutz- und lustlosen Übersetzer einen solchen zu finden, der nicht nur fließend Englisch spricht, sondern auch noch psychologische Vorkenntnisse hat und sich ernsthaft für den Bereich interessiert. Im abgelegensten, gottverlassensten Winkel des Südsudan, wo Staub und Fliegen die einzigen im Überfluss vorhandenen Dinge sind und die meisten Menschen weder lesen noch bis hundert zählen können, ist ein solches Ereignis etwa so wahrscheinlich wie ein Schneesturm. Und doch ist es geschehen. Man könnte daraus allerlei banale Schlüsse ziehen (nie die Hoffung aufgeben...), das tue ich nicht. Umgekehrt: wäre es nicht geschehen, so hätte ich die Hoffnung aufgegeben und damit wohl auch meinen kleines südsudanesisches Intermezzo. So aber gibt es wieder eine Chance.

6.2.13 15:07


Afrika 4

Nichts entscheiden zu müssen ist wundersam entlastend. Was soll ich heute essen? Müssen wir noch einkaufen? Wollen wir ausgehen und wenn ja, wohin? Welchen Film sollen wir anschauen? Wäre es nicht an der Zeit, mal wieder einen Wochenendausflug zu machen? Solche Fragen stellen sich hier nicht. Einmal gab es aber doch eine Abwechslung: Kino unter leuchtendem Sternenhimmel, auf einer Plane, die über das Volleyballnetz gespannt war. Man gab Casablanca, den hatte ich das letzte Mal vor 10 Jahren in einer Kneipe in Guatemala gesehen. Und wieder einmal ward ich tief gerührt.

Seltsame Krankheiten sieht man hier. Ein junger Mann wird Tag und Nacht von einer geheimnisvollen Frau umflattert; nur er kann sie sehen. Sogar in sein Bett legt sie sich, aber das gefällt ihm nicht. Er fürchtet sich. Psychose? Ich gebe ihm eine Minidosis eines Beruhigungsmittels; eine Woche später sind die seltsame Frau und das von ihr verursachte Leiden vom Winde verweht. Er dankt es der Wunderkraft meiner Pillen. Ähnliches habe ich jetzt schon mehrfach gesehen. Wir würden das wohl „dissoziativ“ nennen, ohne dass diese Kategorie zu hundert Prozent zutrifft. Die Menschen hier leben in einer Welt voller Magie, das Reale und das Phantastische sind nicht deutlich voneinander getrennt. Fesselnd. Wie schön wär’s, ich hätte einen Übersetzer, mit dessen Hilfe ich diese Phänomene besser verstehen lernte.

Ich bin dabei, der Epilepsie-Pabst des Südsudan zu werden. Neurologie und Psychiatrie werden zur Vereinfachung zusammengeworfen; Mittel gegen Krampfanfälle sind „psychotropics“. Epilepsie (oder was man dafür hält) ist das Krankheitsbild, mit dem ich am häufigsten zu tun habe. Wahrscheinlich deshalb, weil Anfälle leicht als abnorm zu erkennen sind, sowohl für Verwandte als auch für meine drei jungen Counsellor-Frauen. Manchmal sind die angeblichen Krampfanfälle etwas anderes, Panikattacken, Hysterie oder Pavor nocturnus (eine Form der Schlafstörung) bei Kindern. Um die richtige Epilepsie (oder was ich dafür halte) zu behandeln, habe ich zwei Medikamente zur Verfügung, das macht die Sache relativ überschaubar.

Arbeite ich gerne hier? Auch diese Frage stelle ich nicht mehr. Ich habe gehadert, ich habe mich ereifert, jetzt arrangiere ich mich. Es muss gehen und es geht. Man lernt, mit fünf Fragen in Pidgin-Englisch eine Art Diagnose zu stellen. Man berät ohne zu ahnen, was davon beim Gegenüber ankommt. Man verschreibt, wenn auch mit größter Vorsicht. Nicht zu schaden wird die oberste Devise.

Ohrenstöpsel sind eine sehr unterschätzte Erfindung. Ohne sie wäre ich unweigerlich bereits dem Wahnsinn verfallen. Die Gegend wimmelt von bösen hungrigen schmutzigbraunen halbwilden Höllenhunden, welche die Nacht mit ihrem irren, nie auch nur eine Sekunde unterbrochenem Gekläffe in ein akustisches Inferno verwandeln, die verzweifelte Trostlosigkeit dieses öden Landstriches fernab aller Schönheit eindrucksvoll verkörpernd.

27.1.13 08:56


Afrika 3

Es wäre sehr einfach zu jammern. Über das Essen (mittags Linsen mit Reis und Ziegenfleisch, abends Ziegenfleisch mit Reis und Linsen), die Hitze, die Ameisenstraße, die durch mein Zelt führt, den schwer vorstellbaren, aber unverschuldeten Mangel an Bildung und logischem Denkvermögen, dem wir hier begegnen… Man könnte beschreiben, was dabei herauskommt, wenn ein Übersetzer, der ein paar Brocken Englisch spricht, meine Frage ins Arabische übersetzt, eine junge Frau dann weiter in die lokale Sprache, die Antwort zurückgeht ins Arabische und von dort wieder in ein ulkiges Pidgin-Englisch jenseits aller mir bekannten Regeln… (Gestern habe ich einer Patientin nach einer halben Stunde dieser seltsamen Prozedur gesagt, sie solle in zwei Wochen wieder kommen, da es mir ganz unmöglich sei herauszufinden, wo ihr Problem liege. Auch das ging vermutlich verloren. Zwei Wochen deshalb, weil ich vage hoffe, bis dahin einen brauchbaren Übersetzer zu haben.)

Ein bisschen jammere ich wirklich, aber in dieser ORGANISATION muss man sich damit zurückhalten, sonst macht man sich schnell unbeliebt. Immerhin HABEN wir etwas zu essen. Und Zelte. Duschen. Medizinische Versorgung (wenn sich einer von uns den Arm bricht, wird er nach Kenia ausgeflogen, die Möglichkeiten im Südsudan sind minimal). Sogar Internet, langsam, aber recht zuverlässig und sogar ausreichend, sich mit der Liebsten per Skype zu unterhalten. Eine Woche lang hatte ich auf mein im Flieger zurückgelassenes Computerkabel warten müssen, aber gestern kam es und am Abend konnte ich endlich mit Samara reden. Das war ein Moment großer Freude.

Mit dem Internet kommen prompt die deutschen Probleme: die elektronische TAZ, deren Lektüre ich dann doch nicht widerstehen kann, Anfragen von Behörden - füllen Sie bitte noch dieses Formular aus und unterschreiben Sie jenes - dieser ganze Mist, der mir so ungeheuer zuwider ist und dem entgangen zu sein ich in den ersten Tagen (vor Ankunft des Kabels) ja auch genossen hatte; davon war im letzten Blog die Rede.

Meine stärkste Ressource ist Musil. Vor Jahren schon hatte ich mir den „Mann ohne Eigenschaften“ als Hörbuch gekauft, auch mal hineingehört, es dann aber wieder gelassen. Zuhause, im Land der weichen Sessel und des hellen Lichtes, blieb mir die Idee des Hörbuchs etwas fremd. Hier, wo man abends im Schein der Stirnlampe auf harten Plastikstühlen sitzend liest, ist es anders: ich liege in meinem Zelt (habe es immer noch für mich allein, thank goodness) auf der Matratze, schaue durch den Eingang auf den gleichfalls auf dem Rücken liegenden Mond, und lausche der ansprechenden österreichischen Stimme von Wolfgang Berger, der mir dieses kluge, komische und sarkastische Werk vorliest, in dem schon alles angesprochen ist, was uns „Moderne“ weiterhin umtreibt und zappelig macht und in den Südsudan treibt, um ein bisschen Frieden zu finden und ein bisschen SINN.

19.1.13 11:36


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