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Abschied von Afrika

That’s it. In fünf Stunden werde ich, vermutlich für immer, ein Land verlassen, das nicht zu den verlockendsten zählt. Ich kann es verlassen.

Die Frau, die meinen Job übernimmt, hat ein Jahr im Irak durchgehalten. Sie ist schlau und sie ist zäh. Und ein freundlicher Mensch. Sie wird das hinbekommen, was durchaus auf die Empfehlung hinausgehen mag, den Anspruch auf Counselling aufzugeben und nur den psychiatrischen Teil fortzuführen. Das wäre die ehrliche Lösung, ein Abschied vom Selbstbetrug. Es hätte mir leidgetan, wenn die ORGANISATION in diesem unmöglichen Auftrag einen Anfänger verheizt hätte.

Den letzten Abend verbrachte ich mit meiner Nachfolgerin bei einer anderen NGO, die auf ihrem Gelände eine Bar betreibt. Ich goß mir ein paar Gläser Rotwein auf die Lampe und fühlte mich gut.

Es war dies, wie man hinterher, um eine Bewertung ringend, gern platterweise sagt, eine Erfahrung. Was sie wert ist, wird sich erst noch herausstellen.

4.4.13 09:53


Afrika 15

Ich habe das Passwort entfernt. Wer dies lesen will, soll es lesen. Den Namen der scheuen ORGANISATION habe ich ohnehin nirgends erwähnt.

Good Friday in Jamam. Für mich bleibt wenig zu tun. Heute Nachmittag und am Ostermontag ein paar Patienten, einen letzten Bericht schreiben, Mittwoch die Übergabe in Juba… es fühlt sich an, als wärs vorbei. Ich befinde mich im Limbo (gutes Scrabblewort), einem grenzenlosen Ort zwischen Himmel und Hölle oder zwischen einem definierten Zustand und dem nächsten. Die utilitaristische Frage was hat es gebracht stelle ich erst gar nicht, ich müsste weiterfragen in welcher Hinsicht und im Lichte welcher Maßstäbe und das Ganze wird unübersichtlich. Ich bin mir – auch wenn solche Spekulationen über das ungelebte Leben nicht zulässig sind – leidlich sicher, dass es mir übler ergangen wäre, hätte ich noch länger im AMT ausgeharrt.

Eines habe ich immerhin deutlicher erkannt als zuvor: einer der bösartigsten Verderber von Lebensqualität, jedenfalls der meinen, sind bürokratische Prozeduren (Steuerbescheide, Rentenangelegenheit, Dispute mit Krankenkassen etc.); der Mißmut, den sie in mir hervorrufen, steht in keinem Verhältnis zur Wichtigkeit der Sache und das Wegfallen dieser Dinge in den letzten drei Monaten war unzweifelhaft eine Erleichterung. Zwar musste ich auch hier gelegentlich irgendwelchen Mist ausfüllen, aber es war ziemlich egal, was man reinschreibt. Liest eh keiner. Zu Hause allerdings warten die ungeöffneten Umschläge und wie ich mich ihrer mit der erwünschten heiterer Gelassenheit annehmen soll, das weiß ich nach wie vor nicht.

Der Aufenthalt im Limbo ist kein unbequemer: dies ist ein Ort des Möglichen, ein Wartesaal im Nirgendwo, wo man in irgendeinem augeleierten Sessel hängt, bevor entschieden ist, mit welchen Zug die Reise weitergeht. Man wiegt leichter und überhaupt hat nichts von dem, was einer im Limbo vornimmt, sein volles Gewicht. Beiläufig jongliere ich mit ein paar wolkenlosen Ideen für weitere, mildere Selbstversuche, nichts Dramatisches, ein sanftes Ändern gewisser Gewohnheiten, das versuchsweise Auslassen bestimmter Substanzen…

Was wird auftauchen, wenn ich in, sagen wir, fünf Jahren auf Jamam zurückblicke?
Bilder?
Das sadistische Grinsen der Sonne? Die militärisch aufgereihten olivgrünen Zelte, in denen wir zu schlafen versuchen? Der an einen Pfahl gekettete Patient, der (in seinem Erleben) doch nur zu seiner Frau will?
Töne? Das Geheul der Höllenhunde? Die sich von allen Seiten auf mich werfenden „Koadscha“-Rufe (Weißer) der Kinder, wenn ich durch das Camp gehe? HOW-R-U, from dawn til dusk, und in zwanzig Akzenten?
Empfindungen? Der strenge und zugleich fade Geschmack von Ziege mit Linsen? Das seelige Gefühl, wenn an einem 50-Grad-Tag plötzlich ein Windhauch über die nasse Stirn fährt? Die prekäre Lockerung, die mitunter abends, wenn es sich abkühlt, nach ein paar Schlucken Glenmorangie mein verkrustetes System durchwabert?
Ganze Szenen vielleicht? Nachts im Zelt liegen und nicht schlafen können, trotz Ohrstöpseln und Glenmorangie, während das Herz heftig klopft und die GROSSEN FRAGEN eindringen wie Gespenster, wozu das alles, Jamam, Arbeit, Leben, Sterben  und überhaupt… bis ich irgendwann aufstehe, dusche und weitermache.

Mein letzter Übersetzer war am Mittwoch nach einer kurzen und wenig ruhmvollen Tätigkeit in meinen Diensten nicht mehr zur Arbeit erschienen. Ich nahm an, es läge an meiner (gemäßigten) Kritik seiner Unpünktlichkeit und seiner waghalsig in die schillernden Zonen des Nonsens vorstoßenden Übersetzungen; doch heute erfuhr ich, er sei auf der Flucht: eine Vergewaltigung, hieß es, gejagt werde er, von Polizei und von Verwandten des Opfers. Ein Mensch von unnatürlicher Sanftmut, geradezu Liebedienerei, so schien es zunächst: nicht allzu erstaunlich, wenn darunter ein finsteres Loch voll Wut und Hass mühevoll und unzureichend verdeckt läge (diese Psychologie a posteriori hat natürlich etwas Billiges: ich bin sehr wohl erstaunt, entsetzt sogar). Eine seltsame Geschichte.

 

 

 

29.3.13 13:38


Afrika 14

Meine Rückreise umzubuchen ist ein Unterfangen von unerhörter Komplexität, an dem mittlerweile zehn Leute an fünf verschiedenen Orten beteiligt sind und dessentwegen etwa 30 Emails hin- und hergegangen sind. Das dauert jetzt zwei Wochen und mein Flug ist immer noch nicht gebucht. Der wichtigste Grund ist dieser: die meisten Mitarbeiter der ORGANISATION sind nicht imstande, eine Mail sorgfältig zu lesen und ihren Inhalt vollständig zu erfassen; sie reagieren auf das, was sie glauben gelesen zu haben. Durchdrungen von dem schönen Ideal des stets überlasteten und sich für die gute Sache aufopfernden Mitarbeiters gibt man sich nicht die Zeit, irgendetwas gründlich und in Ruhe zu machen, lieber rasch und hektisch, wodurch sich die Arbeit denn auch wirklich verdoppelt und verdreifacht, so dass sich das Ideal auf wundersame Weise selbst erzeugt und bestätigt.

Kurz vor der Rückkehr erheben noch einmal die Grossen Fragen ihre tiefverschleierten Häupter: nach dem Sinn, dem Leben, dem Universum und allem. Es ist unwahrscheinlich, dass ich nach 11 Wochen hier eine bessere Antwort finden werde als der Supercomputer Deep thought (in Per Anhalter durch die Galaxis), der nach fünf Millionen Rechenjahren als Letzte Wahrzeit die Zahl 42 präsentiert, wobei er den erstaunten Experten zu bedenken gibt, dass die Nutzlosigkeit der Antwort mit der Unschärfe der Frage zu tun haben könnte. Die richtigen Fragen sind tatsächlich schwer zu stellen: schon die Formulierung vom Besseren Leben enthält ja die ganze Ambivalenz des ethisch Wünschenswerten (in Übereinstimmung mit irgendwelchen Grundsätzen, nach höheren Zielen strebend etc.) einerseits und des Sichbesserfühlens andererseits, wobei der Zusammenhang zwischen den beiden Aspekten ein durchaus verschwommener ist (es gibt ziemlich fröhliche Diktatoren und ziemlich trübsinnige Gute Menschen, zum Beispiel auf den höheren Ebenen der ORGANISATION).

Ich habe hier beides versucht: am Anfang wollte ich ein Besserer Mensch werden (freundlicher, geduldiger...) und einen nahezu stoischen Lebensstil kultivieren; nachdem sich das als unmöglich erwiesen hatte, probierte ich es nach alter Gewohnheit mit dem Guten Leben im hedonistischen Sinne und auch das brachte nicht viel. Zugegeben, der Südsudan macht es dem Hedonisten nicht gerade leicht; trotzdem scheint es einigen Beneidenswerten zu gelingen, der Sache erstaunlich viel FUN abzugewinnen. Es gibt sogar Leute, die ihren Einsatz verlängern, weil es ihnen hier so gut gefällt. Die dabei eingesetzten klassischen Mittel – Sex and Drugs and Rock’n Roll – kamen für mich teils nicht in Frage, teils schlugen sie nicht an.

Was soll werden nach der Rückkehr? Ich bin immer noch überzeugt, dass man, um etwas zu ändern, etwas anders machen muss (selbst wenn das, wie ich gerade wieder mal erfahren habe, auch nicht unbedingt funktioniert). Einsichten und Erkenntnisse kann man sich in Schönschrift übers Bett hängen; nichts wird passieren. Die Beste Frage ist also wohl immer noch die von Lenin auf dem Jahre 1905: Was tun?

 

                                                                 

 

 

 

 

23.3.13 09:25


Afrika 13

Schließlich mag man sein Gejammer nicht mehr hören. Es stimmt, dass in meinem Zelt zwei Skorpione zu Besuch waren, es stimmt auch, dass es jetzt selbst nachts so heiß ist, dass ich oft nur noch mit Tablette schlafen kann, während der Ventilator, für dessen britischen Stecker die ORGANISATION seit Monaten keinen Adapter besorgen kann, wie ein Denkmal neben meiner Matratze aufragt. Es stimmt auch, dass mein Übersetzer weggelaufen ist, weil ihm die (von der ORGANISATION einstmals unverrückbar festgelegte) Einstufung und Bezahlung eines Übersetzers als eines angelernten Arbeiters (auf einer Stufe mit dem Latrinenpersonal) nicht gefallen hat. Mir hätte sie auch nicht gefallen. Erneut ist Mental Health zum Schweigen gebracht.

Aber muss ich deshalb gleich so ein Theater machen? Das alles sei noch gar nichts, versichern mir achselzuckend die Veteranen, erfüllt von Stolz auf ihre überirdische Zähigkeit, sei bloß froh, dass Du die Regenzeit nicht mehr erleben wirst. Oh ja, das bin ich!

Diesen Sonntag verbringe ich im Büro als dem einzigen Ort, wo die Ventilatoren manchmal funktionieren. Spiele Scrabble gegen den Computer; wenn ich ihn dumm genug einstelle, habe ich sogar eine Chance. So vergeht der Tag.

Gestern wurde ich ins Camp gerufen, um einen psychotischen Patienten zu sehen: seine Verwandten hatten ihn (wohl aus Hilflosigkeit) im Zelt angekettet. Das geschieht hier öfter. Beim Versuch, sich loszureissen, hatte er sich in der Nacht den kleinen Finger gebrochen. Ich gab ihm die üblichen Medikamente (zum Glück haben wir die hier); er nahm sie mir sogar ab. Er war durcheinander und aufgebracht – verständlich – aber doch noch gut zu erreichen. Die Psychose war am Tag seiner Hochzeit ausgebrochen, dahinter steht irgeneine komplizierte Geschichte von Brautpreis, Rivalen, Familienehre… ich konnte nicht klug daraus werden. Ich schlug vor, ihn loszumachen, sobald er zur Ruhe gekommen ist.

Meine eigene Hochzeit lief besser und übermorgen jährt sie sich zum dritten Mal. Tatsächlich war das meine beste Entscheidung, jemals und überhaupt. Am Bildschirm werden wir uns zuprosten, Samara und ich.

Las noch einmal „Sommer der Liebe“ von Paul Nizon, das hatte mich bei meinem ersten Einsatz, 2005 in Usbekistan, in seinen Bann gezogen. Diesmal geriet ich beim Lesen selbst in die Haltung des gestählten Veteranen: Himmel Paul, dachte ich, du hast Probleme, dachte ich, sitzt da in Paris, gönnst dir eine Ausschweifung nach der anderen und jammerst und jammerst, wie schwierig es ist dieses Buch zu schreiben, das denn auch ganz überwiegend und äußerst selbstbezüglich von den Mühen der eigenen Entstehung handelt (und vom Sex, dessen häufige Ausübung den Autor gerne mal vom Schreibtisch fernhält). Gut gemacht ist das natürlich, der Mann hatte ja auch vier Jahre Zeit, an den hundert Seiten herumzubasteln in seinem Pariser „Schachtelzimmer“, bis jedes Wörtchen sein warmes Plätzchen gefunden. Aber gefallen hat mir das eigentlich nicht mehr, diesmal fand ich es (wie vom Autor ganz richtig vorausgesehen, aber den Wind, wie gehofft, hat er mir damit nicht aus den Segeln genommen) larmoyant und egozentrisch.

17.3.13 15:58


Afrika 12

Nach den Sternen greife ich nicht mehr, nicht einmal sehen kann ich sie jetzt, wenn ich abends hinter meinem Zelt liege: ein eifriger Logistiker hat Planen aufgespannt, die Schatten geben sollen, unter denen sich die Hitze aber nur noch mehr staut. Zurückgeworfen bin ich auf die flachen Gefilde der Jamam-Realität.

Gestern Grillparty. Stundenlang mühten sich meine fleißigeren Kollegen, mit stumpfen Messern aus dem Kadaver einer gerade geschlachteten Kuh so etwas wie Steaks zu gewinnen. Um zehn Uhr abends kam die große Stunde: für jeden gab es ein paar Stückchen schwärzliches Kaugummi mit Rinderaroma, hinunterzuspülen mit einer Flasche äthiopischen Bieres. Derart auf den Geschmack gekommen ging man anschließend in den Bunker, um bis in die Morgenstunden zu tanzen; selbst Schüsse hätten die Begeisterten nicht abgehalten. Eine Weile sah ich mir das an, bis ich den Lärm nicht mehr ertrug oder die Freude der anderen. Seltsam, wer sich hier mit wem zusammentut: nach Parship-Ranking würde das alles nicht passen. Compound-Syndrome (Lagerkoller wäre vielleicht die deutsche Entsprechung).

Aufgewacht mit selbstverschuldetem Kopfweh. Große Lust, mich zu erschießen. Eine Stunde gebraucht für den Entschluss, mein Zelt zu verlassen. Neun Uhr morgens, und schon haut einem die verdammte Sonne ihre Bratpfanne über den Schädel. Was mache ich hier? Die Wasserbehälter leer. Rühre mir einen Instantkaffee, keine Milch da, nicht mal Pulver. Die Speisekammer abgeschlossen und die Frau mit dem Schlüssel noch in den Armen ihres kongolesischen Lovers. Keine Milch! In diesem Moment traten mir Tränen in die Augen, Himmel, tat ich mir leid. Verkroch mich ins Büro, den einzigen Ort mit funktionierenden Ventilatoren und setzte mich an den Computer. Ein dicker Lurch mit langem orangefarbenen Schwanz saß auf dem Fenstersims und sah mich aus schmalen Echsenaugen ein paar Sekunden mitleidig an. Ich musste lachen, es klang ein bisschen hysterisch.

10.3.13 11:15


Afrika 11

Was mache ich hier? Es war eine Flucht: vor der Langeweile im AMT, vor dem deutschen Winter, vor der nagenden Unzufriedenheit. Seltsamerweise hat sich wenig geändert. Wieder zähle ich die Tage, genauso wie ich es in den letzten Monaten im AMT getan hatte. Auch wäre es gelogen, dass ich die 50 Grad, die das Thermometer anzeigt (ja, es ist noch heißer geworden, in den Mittagsstunden kann man den Ventilator als Föhn benutzen) den fünf Grad in FFO vorziehe.  Neue Erkenntnisse? Einfälle, aber nichts Konkretes. In diesem Fall habe ich die transformative Kraft veränderter Rahmenbedingungen überschätzt. Ich passe mich an; doch dass ich dazu imstande bin wußte ich vorher. GEFUNDEN habe ich nichts.

Treibhaustemperaturen garantieren kein Wachstum. NICHTS garantiert Wachstum. Man kann drei Jahre in einem budhistischen Kloster meditieren und genauso doof wieder herauskommen, wie man es betreten hat (Terzani beschreibt so einen Fall). Man kann mit knapper Not dem Tod entgehen und durch diese Erfahrung (angeblich) einer werden, der jeden Moment auskostet. Oder ein posttraumatisch Gestörter, Kandidat für eine Langzeittherapie.

Ich habe nicht einmal wie gehofft herausgefunden, ob ich wieder therapeutisch arbeiten wollte. Was ich hier mache – durch die Doppelübersetzung fragwürdiger Qualität auf einfachste Interventionen reduziert – hat kaum etwas damit zu tun, wie ich zuhause arbeiten würde, und käme als dauerhafte Zeitausfüllung keinesfalls in Frage. Aufschluss gibt es mir nicht. Was richtige Therapie angeht, habe ich lediglich ein Gefühl: auch das eher nicht. Techniken anwenden ist für junge Therapeuten. Befriedigener wäre es wohl, eine Lebenshaltung zu vermitteln – stoisch die Stunden genießen ? – aber es gelingt mir selbst nicht, diese Haltung über einen gewissen Zeitraum einzunehmen. All I do is think about it. 

 

 

 

3.3.13 11:00


Afrika 10

1. Das Beste wäre es ja, wenn es gelänge, die Hauptquelle der Freude schlichtweg darin zu finden, dass wir am Leben sind, was ja in der Tat eine feine Sache ist, ein Privileg, das wir selbst Goethe, Freddy Mercury und Alexander dem Großen voraushaben. Manche Menschen haben beschrieben, wie sie es tatsächlich vermochten, sich ihrer Lebendigkeit zu erfreuen, Heilige oft und spirituelle Geister, oder Menschen, die eine in den meisten Fällen tödliche Katastrophe (Unfall, Krankheit) wider Erwarten überstanden haben. Doch wenn Markus F. sich noch so fest vornimmt, ab heute freue er sich seines Lebens (einfach nur, weil er es noch habe), geht irgendetwas schief. Das liegt, so ahne ich, vor allem an der Trägheit der Materie, in diesem Fall der meinen. Um die Lebenskraft selbst als Quelle der Freude zu nutzen, müsste einer sich wohlfühlen in seiner Haut. Wach. Ausgeruht. Entspannt und voller Energie zugleich. Frei von Schmerzen. Angenehm gesättigt (oder nach mehrtägigem Fasten des Sättigungswunsches enthoben). Und so weiter. Bedingungen, die selten alle zugleich erfüllt sind.

Wie man es dreht und wie man es wendet: nahezu alles, was das Lebengefühl kurzfristig (Trinken) oder dauerhaft (Joggen) verbessert, nimmt den Weg über das Körperliche.

2. Wäre das Lesen eine Ausnahme? Nein. Wenn uns ein Buch gefällt, lassen wir uns von den dort vorgestellten Emotionen bewegen, wir lachen, unser Herz klopft, die Augen werden feucht… und schon fühlen wir uns ein bischen weicher werden, ein bisschen durchlässiger, ein bisschen einfühlsamer. Lebendiger! (Stephen Pinker behauptet in seinem großen Buch „Gewalt“, neben anderem habe das Lesen von Romanen den Menschen die Art von Empathie beigebracht, die es schwer macht, dem uns ähnlichen Gegenüber den Schädel einzuschlagen)

3. Am Wochenende, zum Ausruhen an einen Ort an der kenianischen Grenze geschickt, habe ich ein amerikanisches Werk von über 1000 Seiten überwiegend gelesen, zum Teil auch quergelesen und mich wieder einmal gefragt, ob diese Bücher wirklich noch von Menschen geschrieben werden (das Foto dieses Justin Cronin sieht verdächtig nach einer Fotomontage aus) oder schon von Computerprogrammen. Sämtliche mir bekannten US-Bestseller folgen derart exakt derselben Vorschrift (cliffhanger am Ende jedes Kapitels, viele, aber knappe Dialoge, tiefe und überraschende Erkenntnisse mindestens alle zehn Seiten, große, etwas mittelalterlich anmutende Gefühle wie Ehre, Stolz, Todesverachtung etc.), dass es wirklich nur noch eine Frage der Zeit sein kann, bis Computer in der Lage sind, nachdem man sie mit 10000 dieser Werke gefüttert hat (einer Jahresproduktion), das zehntausenderste ohne menschliche Hilfe hervorzubringen, um dann nach dem Zufallsprinzig King, Cronin, Smith, Barker oder irgendeinen anderen unauffälligen Namen auf den Titel zu drucken. Nach einem solchen Buch fühlt man sich nicht lebendiger, sondern eher wie nach einem fetten Hamburger mit Pommes mayo und drei Flaschen kenianischem Tusker-Bier (was ich mir an diesem Wochenende ebenfalls erlaubt habe).

 

4. Inzwischen ist es nicht nur heiß, sondern es wird auch immer dunstiger und feuchter: erste Anzeichen der herannahenden Regenzeit. Am meisten schwitzt man, sofern man über etwas längere Haare verfügt, am Kopf. Kenia bot mir die Gelegenheit zu einem kurzen Prozeß. In einem Barbershop namens „BoyZone“, wo man Scheren für Zeitverschwendung hält, brachte ein junger Mann unter schwungvollem Umherwirbeln des Drehstuhls mit der Maschine meine Haare in knapp zehn Minuten in den oben abgebildeten Zustand, umringt von einem Dutzend staunender Kenianer jeden Alters, die offenbar nicht erwartet hätten, dass auch ein Weißer sich einer derart radikalen Prozedur unterziehen würde. Endlich können die Gedanken wieder atmen.

27.2.13 13:14


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